Jede Meditation beruht stets auf geistigen und körperlichen Bewegungen. Nicht nur in der aktiven Meditation - z. B. beim meditativen Laufen - besitzt die körperliche Bewegung eine zentrale Bedeutung, sondern auch in der stillen Meditation im Sitzen oder Liegen. In der stillen Meditation nutzen wir die Bewegungsenergie des Atems als Antrieb für die Doppelbewegung des gleichzeitigen geistigen Auf- und Abstiegs.
Dieser Bericht beruht auf meiner bisher vierzigjährigen Meditationserfahrung.

Wenn ich meditiere, versuche ich meist nicht, den inneren Dialog zu stoppen, die Flut der Vorstellungen einzudämmen oder mich nur auf ein bestimmtes Bild, einen bestimmten Klang, einen bestimmten Gedanken zu konzentrieren. Solche Anstrengungen haben nach meiner Erfahrung keine Aussicht auf dauerhaften Erfolg. Sie sind für die Katz'. Mitunter lasse ich mich dennoch dazu verleiten, von dieser Regel abzuweichen, besonders wenn ich sehr unruhig bin oder unter Zeitdruck stehe. Um diesen Fehler möglichst rasch auszumerzen, habe ich mich selbst konditioniert, ein Stop-Signal wahrzunehmen. Sobald ich diesen Fehler bemerke, sehe ich vor meinem inneren Auge eine fauchende schwarze Katze. Dies bedeutet, dass ich mit der Meditation neu beginnen muss.

Wenn ich meditiere, spreche innerlich und tonlos ein zweisilbiges Meditationswort. Es ist geheim. Allerdings halte ich es nicht aus magischen oder mystischen Gründen geheim, sondern weil ich es mitunter auch als Computer-Passwort verwende. Schließlich vergisst man ein täglich benutztes Meditationswort nicht so leicht.
Beim Einatmen spreche ich innerlich und tonlos die erste Silbe des Meditationsworts, beim Ausatmen die zweite. Dies ist zunächst der einzige Zwang, den ich mir auferlege. Dabei sitze ich meist in einem bequemen Sessel und habe die Hände über dem Bauch gefaltet. Doch die Körperhaltung ist nicht entscheidend. Nach meiner Erfahrung hat die Meditation im Liegen allerdings eine einschläfernde Wirkung; man sollte sie zumindest meiden, wenn man müde ist.
Während ich ruhig und tief einatme, langsam und bewusst ausatme, dabei das Meditationswort innerlich und tonlos spreche, lasse ich den Bewusstseinsstrom ansonsten zunächst völlig unbeeinflusst fließen. Oft sehe ich dabei innere Filme eines strömenden Flusses. Dies entspricht meiner Liebe zu den Strömen. Es stört mich nicht weiter, wenn ich statt des Stroms eine Wanderung auf einem steilen Bergpfad visualisiere. Wichtig ist nur, ruhig und tief einzuatmen und langsam und bewusst auszuatmen und beim Einatmen die erste, beim Ausatmen die zweite Silbe des Meditationsworts innerlich und tonlos zu sprechen. Die Silben des Meditationswortes werden allmählich mit dem inneren Klang des Ein- und Ausatmens identisch.

Nach einer Weile der Meditation in der beschriebenen Art werde ich mir meiner Körpergrenzen bewusst. Ich habe dann das Gefühl, als habe sich der Strom meines Bewusstseins zu einer sehr zähen Masse verdichtet, die meinen Körper ausfühlt. Das denkende Ich versinkt in dieser Masse wie ein Mensch in einem Moor. Dabei empfinde ich keine Furcht, nur eine leichte Beklemmung.

Meditieren heißt Loslassen.

Doch unbeeindruckt von dieser Empfindung atme ich und spreche mein Meditationswort. Meine Augen halte ich geschlossen, und ich sehe eine makellose Schwärze. Zwar tauchen Gedanken, Bilder und Vorstellungen auf, aber sie wandern wie dunkle Schatten vorbei.
Wenn dann nicht nach dreißig bis vierzig Sekunden der Prozess abbricht und das Normalbewusstsein wieder einsetzt, vollzieht sich der "Switch", das Umschalten in den eigentlichen meditativen Zustand. Die Grenze zwischen Innen- und Außenwelt bricht zusammen (natürlich nicht wirklich, sondern nur in meiner Imagination). Mein Ich ist nicht mehr in meinem Körper lokalisiert, vielmehr verwandelt sich das gesamte meditative Erfahrungsfeld in einen imaginären Leib. Zwar nehme ich wahr, wie mein Herz schlägt und meine Lunge atmet, aber Herz und Lunge sind ferne, von mir losgelöste Kraftzentren, die meinen freifliegenden Geist auf magischem Weg mit Energie versorgen. Mir ist auch bewusst, dass diese Erfahrungen autosuggestiver Natur sind - doch dies ist völlig unerheblich und schmälert nicht im geringsten das sich nun einstellende erhebende Gefühl.

Doch nun beginnt die eigentliche Arbeit der Meditation, die ich "Aufstieg durch Abstieg" nenne. Es geht in der Tat darum, die meditative Trance zu vertiefen und dadurch jene inneren Gipfel zu erreichen, die unermessliche Fernblicke in die Weiten des inneren Kosmos gestatten. Dies ist der steile Pfad der meditativen Ekstase, auf dem ich zugleich absteige und aufsteige. Diese doppelte, gegenläufige Bewegung, obwohl im realen Leben ganz und gar unmöglich, empfinde ich als völlig natürlich, aber auch als überaus beschwerlich. Der Pfad erfordert ein Höchstmaß an konzentrativer Kraft, Beweglichkeit, Ausdauer, Beharrlichkeit und Zuversicht. Die Erfahrung dieser inneren "Bergwanderung" lässt sich allerdings nicht in Worte fassen, handelt es sich doch um eine völlig unanschauliche Geometrie der Intensitäten. Doch dann taucht aus der Raum- und Zeitlosigkeit ein Plateau zur Rast auf, und nach einem erneuten "Switch" erblicke ich eine gegenständliche, aber märchenhaft verklärte Welt. Nach einer Weile des Schauens und Staunens bricht dann der Prozess ab, oder es erfolgt, wenn die Kraft reicht und die Lust groß genug ist, ein erneuter Auf-und-Abstieg zum nächsten Plateau mit noch atemberaubenderen Ausblicken.
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Die aktive Meditation

Die tiefste Trance erreicht man ohne Zweifel durch die Meditation im Sitzen oder Liegen und mit geschlossenen Augen. Um eine meditative Grundstimmung, als Voraussetzung störungsfreier Sitz- oder Liege-Meditation, aufrecht zu erhalten, ist nach meiner Erfahrung die ergänzende, tägliche aktive Meditation unbedingt erforderlich. Grundlage der aktiven Meditation sind gleichförmige Tätigkeiten, die mit leichter körperlicher Anstrengung und geringen intellektuellen Anforderungen verbunden sind. Hier bieten sich natürlich sportliche Übungen wie der Dauerlauf oder nützliche Beschäftigungen wie die Gartenarbeit an. Manche halten zu diesem Zwecke auch ein ausgedehntes, zärtliches Liebesspiel für geeignet; aber in dieser Frage streiten sich die Geister. Aus meiner Sicht müssen dann beide Partner die erotische Begegnung als meditative Übung begreifen und sie bewusst zur Erzeugung eines Trancezustandes nutzen.

Auch in diesem Bereich ist die grundlegende meditative Technik sehr einfach. Sie besteht darin, sich auf die Gleichförmigkeit der sich wiederholenden Bewegungen zu konzentrieren und sie gedanklich mit der Atmung zu verbinden. Die Bewegung entspricht letztlich dem Meditationswort in der Sitz- oder Liege-Meditation. Wenn man will, kann man die Bewegung mit dem Meditationswort begleiten. Es ist durchaus förderlich, aber nicht unbedingt notwendig, auch hier mit der ersten Silbe des Meditationswortes ein- und mit der zweiten auszuatmen.
Im übrigen beruht jede Meditation auf Bewegung. In der Sitz- bzw. Liegemeditation ist dies die stille Bewegung des Atems und die imaginierte Bewegung des gleichzeitigen Auf- und Absteigens. Die Bewegung der aktiven Meditation erfordert zwar wesentlich mehr physische, dafür aber weniger psychische Energie.

Eine ungestörte aktive Meditation ist natürlich nur möglich, wenn die körperliche Bewegung die Grenzen der eigenen Leistungsfähigkeit nicht überschreitet. Da sich der meditative Effekt jedoch erst nach einer gewissen Zeit einstellt, ist ausreichende Fitness die unbedingte Voraussetzung der aktiven Meditation. Dies bedeutet jedoch nicht, dass der aktiv Meditierende zu sportlichen Höchstleistungen in der Lage sein muss. Das Ziel der aktiven Meditation ist ja keineswegs die Euphorie durch Freisetzung körpereigener Opiate im Sinne des "Runners High", die durch extreme körperliche Anstrengung hervorgerufen wird. Aber die aktiv Meditierende sollte schon fähig sein, eine Stunde Laub zusammen zu kehren, ohne danach völlig erschöpft und verschwitzt zu sein.
Entscheidend ist, dass die konzentriert erlebte Monotonie nicht durch Bewegungsschmerzen oder andere körperliche Missempfindungen gestört wird. Dies ist vor allem in der ersten Phase der aktiven Meditation wichtig, wenn der Trancezustand noch nicht erreicht oder noch sehr flach ist. Sobald die Trance tief genug ist, können leichtere körperliche Beschwerden mühelos ignoriert werden.

Die aktive Meditation erlaubt keine Innenschau von berauschender Klarheit, wohl aber offenbaren die Ordnungsmuster der äußeren Realität ihre rätselhafte Schönheit. Der Meditierende hat mitunter den Eindruck, als sei das äußere Wahrnehmungsfeld nur die Hülle oder die Haut seiner inneren Wirklichkeit. Diese Erfahrungen sammelt der aktiv Meditierende jedoch erst mit einiger Übung; und dies ist ein Prozess, der durch Sitz- oder Liege-Meditationen erheblich beschleunigt werden kann.
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Die Lese-Meditation

Manche halten Lesen und Meditieren für einander entgegengesetzte, miteinander jedenfalls nicht zu vereinende Tätigkeiten. Doch dies ist keineswegs grundsätzlich so. Eine fesselnde Lektüre führt uns in ein geistiges Reich und schirmt uns zugleich von äußeren Reizen ab. Dies ist eine ideale Voraussetzung für meditative Prozesse. Natürlich ist nicht jede Lektüre gleich gut geeignet, Trancen zu erzeugen. Ein wissenschaftlicher Text, der anstrengende Verstandesarbeit erfordert, verhindert u. U. die Entspannung, die zur Vertiefung der Meditation unerlässlich ist. Aber auch ein seichter Trivialroman, der die Sinne erregt oder der sogar sexuell stimuliert, lässt die gleichförmig schwebende Aufmerksamkeit des meditativen Zustandes nicht zu. Es kommt also darauf an, die rechte Lektüre für die Lesemeditation auszuwählen. Dies ist eine höchst individuelle Angelegenheit.

Nach meiner Erfahrung sind vor allem Gedichte ausgezeichnet geeignet, den entsprechend eingestimmten Leser in eine meditative Stimmung zu versetzen. Am besten eignen sich kurze Gedichte oder selbständige Verse aus längeren Gedichten, die sich auf einen Blick erfassen lassen und die das meditierende Bewusstsein als Einheit erfahren kann. Es sollten nicht mehr als zehn Zeilen sein. Ein gutes Beispiel ist Goethes Gedicht: "Ein Gleiches":

Über allen Gipfeln
Ist Ruh,
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde,
Warte nur, balde
Ruhest du auch.

Die Technik der Lese-Meditation ist so simpel wie die Technik jeder effektiven Meditation. Wir lesen den Text langsam, aber ohne Verweilen, immer wieder. Eventuell auftauchende Gedanken, Vorstellungen oder Empfindungen werden nicht verdrängt, aber auch nicht besonders beachtet - mit einer Ausnahme: alle Visualisierungen, die den Wörtern des Gedichts - hier z. B. Gipfel, Wipfel, Vögelein - entsprechen, werden freudig begrüßt, während wir unverdrossen langsam weiterlesen, ohne zu verweilen.Wenn der Prozess nicht aufgrund äußerer oder innerer Störungen abbricht, gelangen wir früher oder später zu einer sehr intensiven Synthese jener Bilder des Gedichts, die unsere Seele am stärksten ansprechen.
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